Wer Aachen sagt, meint Karl den Grossen mit, bewusst oder unbewusst. Und mit ihm natürlich die nach ihm benannte Dynastie der Karolinger. König Childerich III. wurde geschoren nach einem Kloster verbannt und damit gingen die Merowinger für mehr als siebenhundert Jahre von der Weltbühne ab, um dann als altes, in der Matrix residierendes Programm wieder in Erscheinung zu treten. Zwischenzeitlich kam auch die schulterlange mittig gescheitelte Haarpracht der Merowinger aus der Mode, Kurzhaarschnitte waren danach en vogue. Pippin der Jüngere wurde König und schliesslich Karl der Grosse Kaiser. Das ist zwar schon eine Weile hin, aber wir erinnern uns.
Karl der Grosse gilt als erster Europäer, als Bildungsreformer, als weitsichtiger Herrscher. Alle ihm folgenden Könige mussten sich an ihm messen. Wer alles erreicht hat, Kaiserkrone inklusive, arbeitet selbstredend POSTHUM weiter – und wird heiliggesprochen.
Ob Schlüssel oder verstorben Heilige, in Aachen wird gerne zerstückelt
Heute liegt er verhackstückelt an verschiedensten Orten in Aachen verteilt und schmückt so manche Reliquie. Diese wurden wiederum mit dem restlichen Domschatz als erstes deutsches Welterbe in die Liste des Welterbes der UNESCO eingetragen. Für besondere Verdienste wird der Karlpreis verliehen und in den Zeiten wieder aufkommener äusserer Gefahr wird er gerne als integrierende Persönlichkeit genommen. Wir erkennen: Karl der Grosse war ein bäumiger Typ.
Der Gürtel und ein Stück des Lendenschurzes von Jesus: Als Reliquien eignen sich auch Textilien
Im Tresor des Domschatzes stand ich vor der imposanten Hand aus Gold und Silber und besah mir durch das eingelassene Glas aus Kristall Elle und Speiche Karl des Grossen. Am Ende bleibt halt auch von den Grössten nur Gerippe. Sie sind allenfalls einfach schöner dargetan und die Leute kommen und glotzen sie an.
Von Karolingisch bis Neobyzantinisch: der Aachener Dom bietet für jeden Architekturgeschmack etwas
Der Aachener Dom ist das unangefochtene Zentrum der Stadt. Der Grad abgerührter Hübschheit nimmt um diesen sukzessive konzentrisch ab, bis Aachen schliesslich nichts mehr Schönes ist, aber das passt schon. Wenn man durch die Quartiere geht, kann man das Gesehene Revue passieren lassen: Auf dem Domplatz wurden beispielsweise zwei Löcher für eine Baumbepflanzung ausgehoben. Oberschenkel- und andere Knochen aus verschiedenen Epochen ragen seitlich aus diesen heraus. Zu Hause mussten wir einmal schmunzeln, als Archäologen, die gerade ein Skelett freigelegt hatten, von Touristen gefragt wurden, ob dies eine Crime Scene sei. Der Ärchäologe meinte, dass das wenig wahrscheinlich sei, läge das Skelett doch seit mehr als sechshundert Jahre dort.
Der Besuch von Aachen war ein guter Reminder, um mit dem Lesen des Buchs Die Karolinger des Geschichtsprofessors Prof. Dr. Karl (!) Ubl fortzufahren.
Zudem fiel mir auf, dass die Epoche der Merowinger und der Karolinger nebst erstaunlich Aktuellem für unsere heutige Zeit – Es gibt eben nur die Geschichte, das Wissen von dem was war, um Zukunft denken zu können – auch weiteres Nützliches für uns bereit hielte. Zum Beispiel Vornamen, damit nicht alle so deppert auf A enden, wie beispielsweise die zehn heutzutage häufigst vergebenen Mädchennamen: Emma, Mia, Sofia, Emilia, Lina, Elena, Mila, Olivia, Nora, Lia (Quelle: BFS). Hupt es eigentlich, oder was?!
Egal. Ich würde meinen Kindern andere Namen geben. Die merowingischen Mädchennamen Fredegunde, Chrodechild und Plektrud wären zum Beispiel schön. Oder wenn es ein Junge wird: Childerich, Chrodegang oder Ansegisel. Das sind noch distinguierte Vornamen!



Hübsche Mosaike schmücken den Dom: Allerdings sind diese aus dem 19. Jahrhundert und damit Schuschu. Karolingische Gemälde können im Kloster St. Johann im Val Müstair bewundert werden.
Aber wenden wir uns wieder Geistigerem zu und lassen den Merowinger (The Merovingian) aus Matrix Reloaded zu Wort kommen: «What is it then, what is the reason? And soon it does not matter, soon the why and the reason are gone, and all that matters is the feeling itself. This is the nature of the universe. We struggle against it, we fight to deny it, but it is of course pretense, it is a lie. Beneath our poised appearance, the truth is we are completely out of control. Causality. There is no escape from it, we are forever slaves to it. Our only hope, our only peace is to understand it, to understand the why. ‚Why‘ is what separates us from them, you from me. ‚Why‘ is the only real social power, without it you are powerless.»

Wir fahrn, fahrn, fahrn, auf der Autobahn
Unser Plan ist übrigens sauber aufgegangen: Als wir morgens exakt um neun beim Stellplatz eintrafen, dieselte das eine oder andere Wohnmobil eben los – auf die Deutsche Verlässlichkeit kann eben noch immer gezählt werden. Nachdem wir einen Nutzungsvertrag – 😳 – unterzeichnet hatten, durften wir den Van abstellen. Mit gut sichtbar angebrachtem Nutzungsvertrag versteht sich, das sei das Wichtigste. Wurde uns beschieden. Ich wünsche mir die Merowinger zurück.
















