Cardiff: Die 30° im Schatten fühlen sich an wie fünfzig. Und wir dachten, in Wales sei es kühler. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Aber sie stirbt. Ich versuche möglichst langsam zu denken und schaue dem Tischventilator bei der Arbeit zu. Dessen Display zeigt 94 an. Gut, ist das der Ladestand und nicht die Temperatur. In der Frankfurter Allgemeinen las ich, dass in Riad 48° vorherrschten. Dann wohl doch lieber Wales. Ich schaue mir das Eis in meinem Bacardi Cola an und denke an Eisbären. Das nützt. Die weisse Front des benachbarten Wohnmobiles wirft die Sonne zurück und voll auf mich drauf. Sonnenbrand durch Wohnmobil, das hatte ich glaubs noch nicht. Dafür macht die gut zehn Quadratmeter grosse Matte unter der Markise des Vans Freude. Sie fühlt sich an wie diese Dinger, welche sie in japanischen Häusern verlegen. Stefan wüsste jetzt die Bezeichnung.
Nach den seit Freitag zurückgelegten 1300 Kilometern hat Malibu Pause. Dafür leisteten wir heute gut ein Dutzend Kilometer zu Fuss ab. Da der Campingplatz mitten in der Stadt ist, brauchten wir nicht einmal die Bromptons zu bemühen. Britische Grossstädte sind eh nicht so schön zum Fahrradfahren. Zumal macht das links fahren mit den Fahrrädern irgendwie mehr Mühe als mit einem Kraftwagen. Als wir gestern kurz der Autobahn entlanggingen, sagte ich zu Stefan, dass auf dieser nur Geisterfahrer unterwegs seien und das in beide Richtungen. Sei‘s drum. Heute war die walisische Hauptstadt Programm.
Das Standbild ist architektonisch divers aber auch recht grün
Moderne und ältere Gebäude stünden in der Stadt überall beisammen, was aber keine Rolle spiele, da Cardiff nie ein architektonisch homogenes Stadtbild aufgewiesen habe. Meint der Reiseführer. Das trifft es ganz gut. Um 1800 hätten keine 1000 Menschen in Cardiff gelebt. Heute seien es 340‘000. Ein so schnelles Wachstum hat optisch noch keiner Stadt gut getan. Ausser vielleicht Oslo. Aber die Norweger machen ohnehin vieles besser.



Steinerne Blicke von der Animal Wall halten das Treiben der Menschen auf der Strasse im Auge
Uns fiel die doch recht stattliche Zahl an Menschen auf, welche meist mit einer Bierdose in der Hand, zumeist oben ohne, grölend und pöbelnd umherstanden. Es sind ausnahmslos Männer. Ich hoffte, dass Malibu auf dem Zeltplatz sicher sei, zumal in der Stadt Schilder darauf hinweisen, dass man keine Wertgegenstände im Auto lassen solle.
Ein zweites Alleinstellungsmerkmal der Stadt sind die vielen Arkaden. Die sind hübsch und ich wähnte mich in diesen abwechselnd in Szenen von Harry Potter, oder in einem meiner Book Nook Bausätzen.
Ob Kaffee oder Drink, in den Arkaden von Cardiff lässt es sich verweilen
Mittäglich stand mir der Sinn nach Asiatischem, man soll ja nicht immer Fish and Chips essen. Mein Chow Mein liess bei mir folgende Überlegungen in der Tradition von Ludwig Wittgensteins Tractatus Logico-Philosophicus aufkommen: Die Antwort auf die Frage, ob zuerst das Huhn oder das Ei da war, liegt im Ei begründet. Dinosaurier legten Eier, waren jedoch keine Hühner. Dinosaurier bestehen in Form der Vögel fort. Hühner sind Vögel. Eier sind keine Vögel. Eier ermöglichen das Schlüpfen von Vögeln. Werden Eier verspeist, können sich aus diesen keine Vögel mehr entwickeln. Dies trifft auch auf Hühner zu. Hühner können ebenfalls verspeist werden. Hühner können nur gegessen werden, wenn vorher nicht das Ei, aus dem das Huhn schlüpfen würde, verspeist wurde. Das Nicht-Verspeisen von Eiern ist also Voraussetzung für das Entstehen von Vögeln. Vor 100 Millionen Jahren gab es noch keine Menschen, die Eier von Dinosauriern hätten essen können. Die Dinosaurier im enger gefassten Begriff sind dennoch ausgestorben. Das Chow Mein schmeckte vorzüglich.
Einem Märchen entsprungen: Cardiff Castle
Die Umfassungsmauer des Cardiff Castle entspricht in seinen beeindruckenden Dimensionen exakt den des 4. römischen Castrums. Das 1. Castrum war fast doppelt so gross, das 2. und 3. dann deutlich kleiner. Die Römer schienen konjunkturabhängig gebaut zu haben. Es folgten die Normannen, dann andere, dann wieder welche und schliesslich liess John Patrick Crichton-Stuart, der 3. Marquis von Bute das Anwesen in ein neugotisches Märchenschloss umbauen. Das bayrische Neuschwanstein, oder Haut-Koenigsbourg im Elsass lassen grüssen. Ich bin ja an sich gar nicht für Geschichts-Verklärung, dafür habe ich es zu sehr mit Fakten, oder für Märchenschlösser, ein neunjähriges Mädchen bin ich auch nicht mehr, aber das Schuschu-Blingbling des Cardiff Castle mochte mir dann doch in Besorgnis erregenden Massen zu gefallen. Vielleicht steckt doch noch einiges vom neunjährigen Mädchen in mir. In meinem Alter kann man zu solchen Dingen auch mal und über ihnen stehen. Vielleicht ist mein Wohlgefallen aber auch viel trivialerer Natur und es müssen keine psychoanalytischen Gründe bemüht werden. Mich hat wohl einfach der viktorianische Stil angefasst, der doch sehr nah beim Jugenstil ist. Und Jugendstil geht immer. Oder nennt man das nun Verdrängung gepaart mit Rationalisierung? Ich muss das mal durch die Augen Ludwig Wittgensteins betrachten und sauber durchdenken. Das mache ich dann aber bei kühleren Temperaturen. Der Ventilator zeigt unterdessen 91% an.
























