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Stefan & Steffu's travels

Don Camillo

Wenn einer mit Gott spricht, dann betet er und das gilt als normal, je nach Betrachtungsweise bisweilen gar als seriös. Wenn er aber Antwort kriegt, wird er als verrückt betrachtet und hat Anspruch auf einen stationär-medizinisch begleiteten Aufenthalt in einer staatlichen Nervenheilanstalt. Heisst er jedoch Fernandel und ist als Don Camillo in Brescello zugange, kriegt er tatsächlich Antworten. Zu seinem Missfallen sind diese jedoch meist ziemlich spitz.

Peppone und Don Camillo sind nebst Jesu in Brescello allgegenwärtig

Die Ortschaft ist trotz der berühmten Filmreihe nicht eben von Touristen besucht, es macht gar den Eindruck, wir seien die einzigen Nicht-Italiener im Ort, was auch schön ist. Die nicht eben kleine Chiesa di Santa Maria Nascente hatten wir gar für uns alleine, unerwarteterweise sogar mitsamt exakt dem Jesus am Kreuz, mit dem Don Camillo jeweils gesprochen hat. Also versuchte auch ich mich, aber meine Kontaktversuche blieben unbeantwortet. Vermutlich weil meine erste kirchenmündige Handlung 1991 darin bestand, der römisch-katholischen Kirche meine Kündigung einzureichen. Es kann aber auch daran liegen, dass ich des hier gesprochenen Italienischen nicht mächtig bin.

Wir sitzen an der Piazza Matteotti im Caffè Don Camillo an einem kulturangemessen rot-weiss gemusterten Tischtuch, das praktischerweise einen Tisch darunter stehen hat, und verinnerlichen Pasta arrabbiata und Spaghetti Carbonara. Letztere selbstverständlich ohne Löffel serviert, wie sich das in italienischen Landen gehört. Natürlich war ich nicht so blöde mich des Sakrilegs schuldig zu machen und ein solches Werkzeug zu bestellen. Nein, ich nahm das Messer und schnitt die Spaghetti, so wie wir das früher in Zeiten getan hatten, als wir die Don Camillo-Filme noch auf VHS-Kassetten geschaut haben. Ich wurde daraufhin aus dem Restaurant geworfen, die Spaghetti hinterher. Spaghetti lassen sich auch vom Boden der Piazza essen, die Tauben und ich teilen uns diese nun.

Auch Fernandel und Gino Cervi haben bereits im gleichen Ristorante gespiesen

Allmählich dämmert mir, weshalb es keine Filmset-Touristen hat wie im neuseeländischen Hobbiton, wo du gar nicht reinkommst, wenn du nicht Ork bist, oder dir mindestens 30 Monate im voraus ein Ticket hast sichern können. Hier ist das nicht nötig, da die Leute, welche beim Schauen von Filmen in schwarz-weiss nicht das Gefühl haben das Gerät sei kaputt, allmählich das zeitliche zu segnen beginnen, oder aber bereits bei Ferandel und Gino Cervi, dem Darsteller von Peppone, sind, nun also tatsächlich mit Jesus reden können und dabei nicht auf die Figur am Holzkreuz in der Chiesa di Santa Maria Nascente angewiesen sind. Man darf wohl höchstens der Generation Golf angehören, um mit den Filmen noch etwas anfangen zu können. «O.k., Boomer, 67!», sagten wir uns, kauften noch einen Lambrusco im Restaurant und packten uns fort, die Filmmusik in den Ohren und Don Camillo und Peppone in den Herzen.

Jugendstil in Brescello

Pastagestärkt machten wir uns zu einem leichten Sightseeing-Workout nach Sabbioneta auf. Die Stadt hat zwar ein Festungswerk um diese rum, befindet sich also in letzterer drin und rühmt sich ihres Zeichens UNESCO-Welterbe. Ich verstehe zwar nicht weshalb, aber sie und die UNESCO werden ihre Gründe haben. Es gehört sich für eine gute Erziehung, auf solches zu vertrauen und nicht alles zu hinterfragen. Stefan meinte, Sabbioneta sei eine modellhafte Renaissance-Stadt, worauf ich den Begriff der Proto-Renaissance in den Diskussionsraum stellte. Wir wurden uns nicht handelseinig, aber immerhin konnten wir uns mit dem dialektischen Prozess den zusehends langweiliger werdenden Fussmarsch durch die Stadt verkürzen.

Über den Po gelangt man zum Renaissance-Städtchen Sabbioneta

Langweilig ist auch der Geburtsort von Guiseppe Verdi, in diesem hielten wir nicht einmal mehr an. Mir scheinen Geburtsorte von Menschen, die längst tot sind, ein Widerspruch in sich. Bei Geburten denkt man doch an platzende Plazentae und Säuglinge – zumindest ich – und nicht an das andere Ende der Wertschöpfungskette, also an das Vom-Markt-Nehmen der Produkte. Da höre ich mir den Verdi lieber an. Oder singe ihn, das ist noch besser: Mein Frontallappen gibt LIBERA ME DOMINE DE MORTE AETERNA IN DIE ILLA TREMENDA wieder. Da haben wir es. Verdi schien vermutet zu haben, dass ihn sein Ende schliesslich zu ereilen drohte. Das hat etwas Prophetisches an sich. Wir werden uns heute Abend auf Youtube einen Don Camillo anschauen.

Memento mori in Sabbioneta

Epilog: Wir schauten uns Il ritorno di Don Camillo von 1953 an, Erinnerungen an die Kindheit werden wach. Wir müssen uns unbedingt die vier anderen Filme auch noch anschauen. Leider blieb der sechste Film unvollendet, da Fernandel während den Dreharbeiten verstarb. Ich las soeben im Buch Am Meerschweinchen übt das Kind den Tod von Nora Gomringer, als mir Stefan mitteilte, dass Mario Adorf gestorben sei. Wir hatten es auf dieser Reise und auch heute eben noch von ihm, obwohl wir beide nie einen Film mit ihm gesehen haben. Merkwürdige Dinge häufen sich und verknoten sich wie Falllinien. Ich hätte solches überall, aber nicht in der Poebene erwartet. Verdi ahnte es.

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