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Stefan & Steffu's travels

Mosaike, Pixel und ein Brainf**k!

Dass Ravenna das byzantinische Rom war, also die nördlich von Rom und westlich von Byzanz gelegene Hauptstadt des oströmischen Reichs, dürfen wir als bekannt voraussetzen. Byzanz, auch bekannt als Konstantinopel wurde später osmanisch und damit zu IstanbulRavenna blieb hingegen Ravenna und Rom Rom, schliesslich wird letztere auch die ewige Stadt genannt und da machen sich Namenswechsel nicht gut. Das Wahrzeichen Roms ist das Kolosseum, das von Istanbul die Hagia Sophia und Ravenna ist Welthauptstadt der Mosaike. So wie Byzanz aka Konstantinopel aka Istanbul häufiger den Namen wechselte, tat dies die Hagia Sophia entsprechend mit deren Verwendungszweck, funktionierte sie doch als Kirche, dann als Museum und nun als Moschee.

Neonische Taufkapelle der Kathedrale von Ravenna

Da mag man es in Ravenna traditioneller. Die Kirchen haben im Dorf zu bleiben und die Mosaike in den Kirchen. Basta! Auch heute konnten wir uns wieder davon überzeugen, dass man es im spätrömisch-byzantinischen Reich mit Mosaiken drauf hatte, wie der Michelangelo später in der sixtinischen Kapelle. Mit Kulleraugen schauen einem die zu Heiligen gewordenen Mosaike an und man sieht, dass da nicht einfach random irgendwelche Figuren hingelötet wurden, nein, würden sie zu Fleisch und Blut und uns draussen mit modernen Gewändern angetan begegnen, uns fiele nichts auf. Auch das iPhone macht beim Fotografieren um jedes Mosikgesicht ein Fokusfeld drum, weil es Gesichter zu erkennen glaubt. Und wir stellen fest, die Künstler haben um die Jahre 500 die Technik des 21. Jahrhunderts vorweggenommen.

Die Kathedrale dient als Durchgang vom der Taufkapelle zum erzbischöflichen Museum. Dort lassen sich die private Mosaik-Kapelle und der Elfenbeinthron des Bischofs bewundern.

Ein jedes Gesicht sieht also aus wie ein Porträt einer konkreten Person, schaut man dann genauer hin, wird man feststellen, dass sie dazu viel weniger Steinchen benötigten, als heute für ein Emoji verwendet wird, welches sich 128 x 128 Pixel genehmigt. Sie kriegten das mit gerade mal 8 x 8 Pixeln und damit mit einem Gesamtspeicherplatz von 64 Bytes hin, wenn wir eine Farbtiefe von 8 Bit annehmen, was ungefähr hinhauen dürfte. Die nicht exakt schachbrettartige Matrix wollen wir bei dieser Betrachtung ausser Acht lassen, auf den benötigten Speicherplatz muss dies auch nicht zwingend einen Einfluss haben. Die Mosaike kommen also den ursprünglichen aus 16 x 16 Pixeln bestehenden Webseiten-Symbolen ähnlicher als den Emojis, sie sind zeitlich auch näher bei den älteren Favicons des Internets gelegen als bei den Emojis.

Spätantike Mosaik-Mangas erzählen farbenfroh christliche Geschichten in der Kirche Sant‘ Apollinare Nuovo

Abgesehen von antiken Webgrafiken hat Ravenna auch sonst Verrücktes zu bieten. Wer sich über den Osterhasen hinausgehend etwas vertiefter mit Ostern auseinandergesetzt hat, weiss, dass Ostern stets am ersten Sonntag nach dem Frühjahresvollmond zu sein hat und damit zwischen dem 22. März und 25. April.

Wann Ostern zwischen 530 und 630 n. Chr. stattfindet? Kein Problem: einfach den Angaben auf dieser Tafel folgen…

Das lässt sich mit ein paar Hilfsgrössen auch berechnen: Man bestimme dazu den metonischen Zyklus, die Schaltjahr-Korrektur, den Wochentag des 1. Januars, das Jahrhundert und die Schaltjahr-Korrektur der Jahrhunderte und leite dann das Vollmonddatum ab und rechne die nötigen Tage bis zum nächsten Sonntag auf. Für die Leute damals kein Problem, wenn man schon dabei ist das hübsch zu machen, dann kann man den hundertjährigen Kalender auch gleich noch typografisch einwandfrei auf ein Rund meisseln.

Neben der Festung Rocca Brancaleone steht wie ein Monolith das Mausoleum des Theoderichs, das manchem Renaissance Architekten als Studienmodell gestanden hat

Ebenfalls ganz ohne Mosaike kommt das Mausoleum des Theoderichs aus. Es ist noch immer ein Rätsel, wie sie die aus einem Stein gefräste und 230 Tonnen schwere Dachkuppel oben drauf kriegten. Bestünde diese zudem aus Kupfer und befände sie sich auf einem Art-Déco-Gebäude drauf, sie ginge glatt dem 20. Jahrhundert zugehörig durch. Ich jedenfalls hatte beim Besehen einen mehrfachen Brainfuck und musste mir wiederholt in Erinnerung rufen, dass das Mausoleum tatsächlich satte 1500 Jahre alt ist.

Von der Antike zur Moderne – Ravenna ist immer für eine Überraschung gut

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