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Stefan & Steffu's travels

Wallfahrt

Gestern Abend wurde ich gefragt, ob Jaspers oder Adorno besser sei. Das ist eine gute Frage, welche aber nicht in befriedigender Weise zu beantworten ist, fürchte ich. Das ist etwas wie in der Jurisprudenz, es kommt eben darauf an. Bei Jaspers ist sicherlich die Betonung der individuellen Verantwortung und die Sinnsuche in einer unübersichtlichen Welt zu begrüssen. Und seine einfache Sprache. Da ist bei Theodor W. Adorno rasch Schicht im Schacht. Zumindest bei mir. Beispiel gefällig?: «Die Identität des Subjekts mit sich selbst, die als die Form des Bewusstseins schlechthin gilt, ist die Abstraktion von dem, was es nicht ist; sie ist, als das Allgemeine, das Besondere, das sie unterdrückt, und die Unterdrückung ist das Moment ihrer eigenen Unwahrheit, das sie, indem sie es leugnet, perpetuiert.» Eben. Aber das lässt sich ein bisschen abstrahiert und geringfügig vereinfacht etwas weniger kompliziert wie folgt ausdrücken: «Eine Katze, ist eine Katze, ist eine Katze (Felis silvestris catus).» Voilà. «Und bestimmt kein Hund (Canis lupus familiaris)», ist man geneigt zu ergänzen.

Entlang der Vallée d’Ouysse

Wo Hunde und Katzen sich gute Nacht sagen, führte uns die heutige Route auch durch. Zwar hatte es einmal eine Autobahn, aber die lag quer zu uns, wir durch Wälder und Auen, dass man meinen könnte, wir seien vor Interpol auf der Flucht. Für fünfzig Kilometer Luftlinie brauchst du hier eineinhalb Stunden. Und das dann nicht gemütlich. Irgendwie habe ich das anders in Erinnerung, aber beim letzten Mal war auch Frühling, da sind die Strassen geglätteter. 

Hoch über der Dordogne thront die Burg Beynac

Immerhin ist die Burg Beynac im Ort Beynac-et-Cazenac noch dieselbe. Sonst hätte ich allmählich ernsthafte Zweifel an meinem Verstand zu hegen begonnen. Beim Besuch der Burg blieb mir auch beim zweiten Mal die Spucke weg. Kein Wunder, dass sich Ridley Scott für seinen Film The last Duel just diese aussuchte, um sich darein Matt Damon und Adam Driver klopfen zu lassen, bis beide mehr oder weniger als Dosenfleisch in ihren Rüstungen darniederlagen. Aber das war für eine gute Sache, dann hat das etwas Ehrenvolles an sich. Auch Richard (I.) Löwenherz verkehrte in der Burg. Manchen wird dieser Name weniger sagen als Matt Damon oder Adam Driver. Aber im Gegensatz zu den beiden letztgenannten trug dieser die Rüstung nicht als Staffage und er hat sogar 826 Jahre nach seinem Tod noch immer ein Zimmer in der Burg. Das muss ihm erst mal einer nachmachen.

Déjà-vu …
… mit veränderter Besetzung

Mit einem Toten begann auch der Aufstieg des unweit gelegenen Wallfahrtortes Rocamadour. Als im Jahr 1166 ein unverwester Leichnam in einem alten Grab an der Schwelle der Marienkapelle entdeckt wurde, glaubte man, den legendären Einsiedler Amadour gefunden zu haben. Oder so legten sie es zumindest aus. Vermutlich handelte es sich eher um einen Müller, dem die vielen Stufen zu viel waren und der darob einen Herzkasper produzierte. Aber mit Einsiedlern, aus welchen sich im Zweifel auch Heilige machen lassen, lässt sich der Tourismus definitiv besser ankurbeln, wird sich der mittelalterliche Tourismusdachverband des Périgord gesagt haben. So geht Wirtschaftsförderung. Und also spüren es feinfühlige Geister und astralbewanderte Gemüter noch heute: Ein Ort, an welchem es dermassen viele und grosse Parkplätze hat, dass diese mit P1 – Pn hochnummeriert werden müssen, da ist etwas los. Und tatsächlich: Ob einem Einsiedler eine Million Besucher im Jahr doch nicht etwas zu viele wären? 

Einsiedler sind Menschen, die alle verlassen, um später von allen heimgesucht zu werden.

Rocamadour – kaum vorstellbar wie sich in der Hauptsaison Menschenmassen den Felsen hoch und runter wälzen

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