Wir verlassen Tschechien und somit Böhmen und damit auch unseren noch jungen Lebensvollzug als Behémien. Uns scheint als mochte dieser ohnehin nicht über Gebühr gut zu uns zu passen. Dieser Stil ist uns zu entsagend, zu passiv, zu nihilistisch. Wir haben uns über Jahre dem Motto jung, dynamisch und erfolglos verschrieben. Nun sind wir nicht mehr jung, aber noch immer erfolglos. Das ist doch auch etwas.
Nach einer Woche heiterem Sonnenschein glich sich das Wetter dem kontinentaleuropäischen an und läuft nun literweise am Fahrzeugchassis runter. Das geht in Ordnung, wir durften Tschechien bei frühsommerlichen Verhältnissen besuchen. In Zermatt oder Saas Fee sind sie zugeschneit. Dann doch lieber tschechischer Frühsommer.
Das Modell von Rothenburg lässt bereits die spannende Struktur der Stadt erahnen
Noch am Ort unseres Nachtlagers auf einem Parkplatz in Marienbad vermochte einmal ich ein Tagesziel auszumachen, welches ein Besuch sein könnte. In aller Regel tut das Stefan. Es ist noch so merkwürdig: Bevor eine Reise beginnt, liegt die Planung bei mir. Danach, wenn eine Reise im Vollzug ist, scheint die ad hoc Planung jeweils unausgesprochen an Stefan überzugehen. Wenngleich durchaus eine innere Logik in dem Umstand auszumachen wäre, bewusst entschieden wurde das so nie. Egal, was funktioniert soll man laufen lassen. Nur nicht dran rumfummeln.
Besucher werden als erstes mit Kanonen von der vorgelagerten Bastion begrüsst
Dass ich heute ein Ziel ausmachte, dürfte aber durchaus in Ordnung gehen. Wobei mir gerade auffällt, dass heute Stefan losgefahren ist und er seitdem am Steuer sitzt. Meist bin ich an diesem Arbeitsplatze zu werke, währenddem er eben plant und navigiert. !gidrüwkrem ,nies uz trekgekmu sella tniehcs etueH
Einen guten Überblick erhält man auf dem nie enden wollenden Stadtmauerweg
So lange heute der Karfreitag nicht auch noch reziprok vonstatten geht, ist noch alles gut, sonst würde es gruselig. Über den Karfreitag als Entität habe ich vor zwei Jahren im Beitrag Frecciarossa berichtet, das war auf unserer Reise nach Neapel. Erinnert Ihr Euch? Ich habe gerade mit etwas Erstaunen festgestellt, dass meine damalige Abhandlung den Karfreitag betreffend gerade einmal zwei Sätze umfasste, und bloss neun Wörter diesen materiell behandelten. In meiner Erinnerung nahm dieser eine Abhandlung von mindestens einem Abschnitt Länge ein. Erinnerungen sind wunderliche Phänomene und werden mitnichten einmal geformt und hernach für spätere Abrufe zur Nachlese abgelegt. Sie werden zwar schon eingelagert, aber bereits da lediglich als Versatzstücke. Beim Auslesen werden diese Bruchteile gefiltert, ergänzt, überformt und stets aufs Neue gedeutet. Dem Resultat ist daher viel weniger zu trauen, als man dies gemeinhin tut. Das zu grosse Vertrauen, welches man seinen eigenen Erinnerungen zukommen lässt, ist vor allem dem geschuldet, dass sich diese stets echt anfühlen. Das ist ein grosses Problem bei Zeugenbefragungen. So glaubten Zeugen beispielsweise einen Unfall genau gesehen zu haben. Auf die Frage, wie sie auf diesen aufmerksam wurden, berichteten sie, dass der Knall ihre Aufmerksamkeit auf das Vorkommnis gelenkt habe. Da geht etwas nicht auf. Oder ein anderer Klassiker: Eine Längsschnittstudie mit 2100 Amerikanern ergab, dass etwa 40 % der Teilnehmer ihre persönlichen Erlebnisse an 09/11 falsch erinnerten. Obwohl sie überzeugt waren, sich korrekt zu erinnern, unterschieden sich ihre Berichte im Laufe der Zeit erheblich. Es gibt auch ein Experiment, in welchem man mit wenig Aufwand eine harmlose Erinnerung an ein Vorkommnis in Menschen einpflanzen kann. Diese glauben sich danach an etwas zu erinnern, das sie gar nie erlebt haben.
Hohe, schlanke Türme wachen über die verschiedenen Eingänge zur Stadt
Dass wir beiden bis dato noch nie in Rothenburg ob der Tauber waren, ist hingegen korrekt. Glauben wir zumindest. Also in Rothenburg waren wir schon, vor allem ich. Das war meinem langen Militärdienstaufenthalt im daneben liegenden Emmen geschuldet, aber dabei handelte es sich eben um das Rothenburg im Kanton Luzern. Es muss jedoch schon der gemeinte Ort sein, damit man eben da war, er darf nicht bloss gleich heissen, wie ein bereits besuchter. Sonst handelt es sich um eine Äquivokation, eine Doppelbelegung eines Begriffes unterschiedlichen Inhalts. So gibt es beispielsweise Salem. Salem im südlichen Baden-Württemberg und Salem im US-Bundesstaat Massachusetts. Letzteres Salem ist das mit den vermeintlichen Hexen. Schrecklich. Sei‘s drum: Beide dürften sie sich auf das biblische Salem beziehen, welches in diesem Fall wohl als Moderatorvariable zu betrachten wäre. Alle drei für sich genommen heissen gleich, sind aber geografisch arg voneinander getrennt. Vielleicht nennt sich Rothenburg ob der Tauber darum wie ein männliches Vedervieh, damit es nicht mit anderen Rothenburgen verwechselt wird?
Das Rathaus im Zentrum der mittelalterlichen Stadt
Unterdessen haben wir Rothenburg ob der Tauber besucht und haben festgestellt, dass dieses die Entdeckung dieser Reise sein sollte. Die Stadt, von deren Existenz wir vor ein paar Stunden noch nicht einmal wussten, kickte uns also gewaltig. Von allen deutschen Städten, die wir bisher besucht haben, ist diese in unseren Augen zweifelsohne die schönste. Sie ist umgeben von einer Umfassungsmauer, hat Türme ohne Ende und darin Renaissance-Bauten vom feinsten.
Fachwerk- und Renaissancehäuser prägen das Bild der Stadt
Nachdem Rothenburg unbeschadet durch den Weltkrieg zu kommen schien, kriegte die Stadt am 31. März 1945 kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs doch noch auf die Mütze. 38% der Bausubstanz der neueren östlichen Altstadt Rothenburgs wurden durch den Angriff einer Staffel der 386. Bombardement Group der US-Luftwaffe beschädigt oder zerstört. Der Bombenangriff galt einem Öllager im oberfränkischen Ebrach, das aber wegen Vernebelung nicht angegriffen werden konnte, so dass Rothenburg – obwohl ohne militärische Bedeutung – als Ersatzziel angegriffen wurde. Da die Zerstörung aber hauptsächlich den neueren Ostteil der Hauptstadt betraf, blieben die bedeutendsten Baudenkmäler erhalten. Die getroffenen, sowie 750 m zerstörte Stadtmauer, wurden im ursprünglichen Duktus wieder aufgebaut.
Dank den hohen Türmen kann man sich in den engen Gassen nicht verlieren
Wikipedia weiss ferner zur berichten: Am 17. April 1945 ging der Krieg für Rothenburg zu Ende, während andernorts noch drei Wochen lang weitergekämpft wurde. Der damalige US-Hochkommissar für Deutschland, John McCloy, erklärte 1950 schriftlich, er habe einen auf Rothenburg geplanten Artillerieangriff durch seine Intervention beim zuständigen General Devers verhindert. Dafür bekam er später von der Stadt die Ehrenbürgerwürde verliehen. McCloy kannte Rothenburg nur aus Erzählungen seiner Mutter, die die Stadt vor dem Krieg besucht hatte und von dem mittelalterlichen Ort schwärmte. Reisen vermag also mitunter Schlimmes zu verhindern.
Ostern steht an
Der Stellplatz bei Rothenburg biete laut Park4night Platz für 70 Wohnmobile. Unterdessen kommen solche im Sekundentakt an, Suchverkehr kurvt dauernd an uns vorbei. In Tschechien sahen wir kaum Wohnmobile, hier ist alles voll. Die müssen unterdessen irgendwo geschlüpft sein. Das scheint gut möglich, schliesslich treten Eier an Ostern gehäuft in Erscheinung.





















