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Stefan & Steffu's travels

Bohémiens in Marienbad

Wenngleich der Bohème in Karlsbad nachgegangen werden kann, so war das Treiben in dem Orte doch allzu bunt. Frivol gar. Wir wurden davor gewarnt, haben jedoch nicht hinhören gewollt. Unsere Gedanken kamen durcheinander, sie kamen nicht zur Ruhe. Sie taten Sprünge, mal hierhin, mal dahin, waren voller Grillen. Das ist nicht, was wir unwissend zu suchen hofften. In Karlsbad kann der Bohémien existieren, aber eben nicht sein. Denn das Seiende ist, was er nicht wollend zu finden sucht. Wollen können alle. Sie wollen höhere Entgelte. Sie wollen mehr Kleider. Noch mehr Schuhwerk, welches sie in ihre übervollen Schränke fortpacken um es sogleich zu vergessen. Sie wollen grössere Salons, grössere Kraftfahrzeuge. Grösser, mehr, besser. Sie rennen Fiktionen hinterher, wie die Igel ihren Mäusen im Schein der Laternen und tragen so auf ihren Rücken die billigste Geistesflora. Aber nichts zu wollen? Nichts wollen zu können? Diese höhere Form des Verneinens bedarf Übung.

Kolonnaden, Parks und Quellen spenden auch in Marienbad Ruhe und Heilung

Aber üben kann nicht, wer immerzu gestört wird. Zerzaust vom Treiben. Also mussten wir weg aus Karlsbad. Wir zogen nach dem südlich gelegenen Marienbad, genannt Mariánské Lázně. Ein Vogel vermöchte dieses in einer Stunde zu erreichen, flöge er aus Karlsbad fort. Wir brauchten länger, war der Weg doch gesäumt von Kurven, diesen merkwürdigen inversen Diffeomorphismen, welche Geraden in den betrachteten Räumen immerfort zu verhindern wissen.

Der Jugendstil buhlt in Marienbad in Ocker um die Aufmerksamkeit des Betrachtenden

Im erreichten Marienbad drang alsbald süsse Befriedigung ins Mark, wobei uns die Sentimentalität im selben Augenblick zurückstiess in dem sie uns berührte, als ob sie uns mitteilen wollte, dass kritisch bleiben muss, wer der Kritik sich verschrieben hat. Es ist natürlich nicht einfach so, dass man konservativ zu sein beginnt, wenn man zu bequem für Ausschweifungen geworden ist. Die Zeit der Ausschweifungen scheint aber weit zurück zu liegen bei den Marienbader Gästen. Viele sind mit Gehilfen unterwegs und lassen nur dann von diesen ab, wenn sie mit unsicheren Schritten die letzten Meter zu den Brunnen der Heilwässer zurücklegen um sich an diesen zu laben. Oder um mit gelb verfärbten Fingernägeln Zigaretten aus halbleeren Gauloises-Päckchen zu klauben. Wer gesund ist und aufrecht zu gehen imstande ist, scheint nicht nach Marienbad zu reisen. Wir vermögen uns selbst in einer solchen Lage nicht vorzustellen. Noch nicht.

Die Gebäude zeugen von der Opulenz des einstigen Luxus

Der Ort ist durchseelt von den Grossen ihrer Zeit. Ludwig van Beethoven, Rainer Maria Rilke, Henrik Ibsen, Theodor Herzl, Gustav Mahler, König Edward VII. oder Zar Nikolaus II. waren Gäste. Johann Wolfgang von Goethe verliebte sich an diesem Orte sehr heftig in Ulrike von Levetzow. Sie stand mit siebzehn in hochgewachsener Vollblüte, Goethe war mit seinen mehr als siebzig Lenzen ein greiser Mann, zurückgewiesen von der Angebeteten, um deren Hand er mit Hilfe seines Freundes Grossherzog Carl August von Sachsen-Weimar-Eisenach schriftlich und formell bei Ulrikes Mutter anhielt. Zurück blieb sein gebrochenes Herz und der Nachwelt die Marienbader Elegie:

Goethe schloss die Elegie wehmütig:

Mit dem inneren Ohr dem Meister Deutscher Worte lauschend

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