Man könnte sagen – wenn man denn etwas sagen wollte, was zugleich etwas bedeutet und doch nichts festlegt –, dass die Bohème aus jenem seltsamen Zwischenraum stammt, in dem die Gesellschaft beginnt, sich selbst zu beobachten und dabei verwirrt ist, ob sie sich schminken oder demaskieren soll. Bohémiens sind nicht geboren worden, sie entwichen – aus Salons, aus Armenvierteln Böhmens, aus Bibliotheken, aus den Fugen der bürgerlichen Welt wie ein feiner Riss im Glas, durch den das Licht seltsam anders fällt.
Kurhäuser rhythmisieren den Gang durch den Kurort
In Wien rauchten sie in Kaffeehäusern, in Paris diskutierten sie bis zum Morgengrauen, doch in Karlsbad – diesem heilsamen Bühnenbild aus schwefliger Dampfwolke und architektonischer Selbstgefälligkeit – traten sie wie durch einen Seiteneingang in die Kurgesellschaft ein. Denn hier, wo Gesundheit wie eine Ware gehandelt und Krankheit wie eine Haltung getragen wurde, traf sich die Welt, die sich selbst kuriert: Generäle, die nie gekämpft hatten, Dichter, die am Herzen litten, und Börsianer mit entzündeten Gallen – und mittendrin die Bohémiens.
Ein Konzert und Bühnenspiel der Architektur
Karlsbad, dieser Ort zwischen Heilanstalt und Operettenkulisse, erlaubte Bohème etwas, das ihnen anderswo verweigert wurde: Die Teilhabe am mondänen Stillstand, ohne sich ihm zu unterwerfen. Hier wurde nicht gelebt, sondern pausiert – und was war die Bohème anderes als eine Lebensform fortwährenden Pausierens?
Verspielte Fassaden bilden das Bühnenbild
Sie lebten, wenn man so sagen darf, in einem Zustand latenter Möglichkeit, der nie ganz zum Ereignis wurde. Es war dies eine Existenzform, die nicht auf dem Besitz von Eigenschaften beruhte, sondern auf deren subtilem Verzicht. Ein Bohèmien war nicht, was er tat, sondern was er nicht tun wollte. Vielleicht war es gerade dieses Verweigern, dieses nahezu metaphysische „Nein“ zur Zweckmässigkeit des Seins, das ihn kennzeichnete.
Steinerne Theater-Tempel
Und während Monarchien fielen, Konzertsäle umgebaut wurden und die Welt sich an die Moderne gewöhnte wie an ein unangenehmes, aber teures Paar Schuhe, blieben Bohémiens in Karlsbad ein zarter Schattenriss am Rand der Gesellschaft – eine Erscheinung, die ebenso leicht wie absichtlich schien, zwischen Trinkbecher, Tagebuch und dem merkwürdigen Gefühl, dass man sich selbst zu therapieren versuchte, indem man den Zustand der Welt notierte. Genau deshalb sind auch wir in Karlsbad, folgen den nur noch feinstofflich wahrzunehmenden Spuren der Bohème von einst.
Feinstofflichkeit inszeniert
Uns scheint, als sei Karlsbad kein Ort, sondern ein Aggregatzustand: Das leicht schwefelige Parfüm des Zweifels, versetzt mit einem Hauch Hoffnung, dass es irgendwo – im Dampf, im Satz eines unbekannten Autors, im Schatten eines Grand Hotels – ein Leben gäbe, das sich nicht messen lässt, sondern nur: Durchleben.
Dem Nationalgetränk entkommt man auch in Karlsbad nicht
Wir stellen uns vor, dass wir uns – nach offizieller Lesart – zur Regeneration hier befinden. Die Leber, so würde mein Arzt sagen, sei „leicht beleidigt“, was mir nicht ganz unpassend schiene, denn auch mein Gemüt zeigt eine gewisse Empfindlichkeit gegenüber der Gegenwart. Stefan hingegen blickt aus geschwollenen Augen allem Allegorischen mit einer Allergie entgegen. Man trinkt hier aus Tassen mit Schnabeln, spaziert in Gesellschaft seiner Diagnosen, und nennt es Heilung, wenn das Gehen wieder rhythmisch wird. Wir aber gehen nur, um zu denken, ein jeder für sich, und denken nur, um zu vergessen, was wir einst werden sollten.
Die Kolonnaden verströmen Erhabenheit
Vorhin auf der Kolonnade: Ein Mann mit Zylinder, dessen Blick so leer war, als hätte er bereits seine Memoiren gelesen. Ich stellte mir vor, sie zu schreiben, ohne ihn je gekannt zu haben. Die Idee gefiel mir, ich notierte einen ersten Satz: „Er war ein Mensch von erheblicher Bedeutungslosigkeit.“ Das Heft fiel mir später in den Trinkbrunnen. Ich werte das als Zeichen.
Der Stil der Häuser ist zwar nicht mehr jung aber immer noch frisch
Man sagt, hier verkehrte Goethe, mehrfach sogar. Auch Beethoven war da, allerdings ohne zu hören, was man über ihn sagte. Wir hingegen hören alles – leider –, besonders das Flüstern der Damen mit Spitzenschirmen, die ihre Neurosen wie kleine Schosshündchen spazieren führen. Es ist ein Theater der sanften Symptome, und wir, wir sind nur Komparsen mit literarischem Übergewicht.
Heute begegneten wir einem gewissen K., möglicherweise ein Verwandter jenes anderen K., von dem man in Prager Cafés spricht, als wäre er ein noch ungeschriebenes Manuskript. Er trank kein Wasser, sondern Absinth, was ihm eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieh. Wir redeten über das Schreiben als Krankheit. Er meinte, wer gesund sei, schreibe keine Zeile. Wir widersprachen ihm nicht.
Man kann sein Geld unterschiedlich anlegen
Wir beginnen zu glauben, dass die wahre Kur nicht die des Körpers ist, sondern jene leise Entwöhnung vom Weltgeschehen, die nur in solchen Orten möglich ist, wo selbst die Uhren scheinen, als litten sie an zarter Zeitvergessenheit.
Wir wollen nicht genesen, wir wollen nur anders krank sein.

















