Den Savanna Chair von Helinox habe ich in etwas erhöhter Position, dafür umso näher am und mit Front Richtung Meer aufgestellt und ausgerichtet. Stellungen auf Anhöhen sind immer gut. Das wusste schon der berühmte preussische Generalmajor und Militärwissenschaftler Carl von Clausewitz in seinem Werk Vom Kriege zu berichten. Allein heute muss man sich auf solchen dann ordentlich einbuddeln und Tarnnetz darüber und alles. Am besten ist es dabei solche zu verwenden, welche möglichst undurchlässig sind für Wärme, die Wärmesignatur also gering halten. Dafür scheint mir heute jedoch keine zwingende Notwendigkeit zu bestehen. Wobei ein Jung in geschätzt vierfacher Unspunnenstein-Wurfdistanz buddelt, was das Zeug hält. Da er dem Kiddie-Alter entwachsen zu sein scheint und mindestens zwanzig Lenze zählen muss, erscheint er etwas gar alt für den Bau von Sandburgen. Vielleicht hebt er tatsächlich einen Schützengraben aus und ich frage mich, ob mir wesentliche Informationen abhold gegangen sind. Ein Rundumblick zur Vorsicht kann nicht schaden. Zwölf Uhr: friedlich, neun Uhr: auch, sechs Uhr: ebenso, drei Uhr: Meer. Scheint alles ruhig zu sein.
Camping Aquarius bei Sant Pere Pescador
Den Savanna Chair von Helinox habe ich nicht aus stellungstaktischen, sondern mehr aus aquapraktischen Gründen an leicht erhöhter Lage aufgestellt. Das Meer scheint seine Arbeit derzeit nämlich ausgesprochen ernst zu nehmen und schiebt Wellen an den Strand, von welchen man sagen muss: Das sind Wellen! Gestern kurz den Blick in die falsche Richtung und mich erwischte eine solche. Crocs voller Salzwasser und Sand. Scheisse. Zugegeben, es gibt Schlimmeres.
Aber Hanglage ist besser. Ich horche dem Meer. Das hat etwas Leidenschaftliches. Da braucht man gar nicht mehr die AirPods Pro 2 mit eingeschaltetem Active Noise Cancelling zu tragen und dem von Apple im iOS integrierten Hintergrundgeräusch Ozean zu lauschen. Ich klaube die beiden Kleingeräte also aus den Gehörgängen raus. Und höre immer noch: Meer. Erstaunlich, wie die Natur manchmal die Technik imitiert.

Noch immer Hanglage. Ich schaue auf das Meer raus. Wasser ist in zu grossen Mengen um genau den Unterschied zwischen Trinken und Ertrinken geringeres Vergnügen als in kleinen. Die Sicht ist heute etwas trüb, ginge aber immer noch als instagrammable durch. Das scheint heute wichtig. Ich gehe im Kopf die letzten Pool- und Strandaufnahmen durch, derer ich in den sozialen Medien ansichtig wurde. Wenn ich diese nun gedanklich vor mir auf dem Sandstrand ausbreite und studiere, komme ich nicht umhin mich zu fragen: Weshalb fotografieren die Leute eigentlich ihre Füsse, wenn sie am Wasser sind? Dass sie das tun ist ja noch das eine, aber dann posten sie das auch noch. Füsse! Man wird mir recht geben, wenn ich anheimstelle, dass es dabei um eine Körperpartie geht, welche – bei manchen jedenfalls – sagen wir mal Phantasien weckt. Wir rufen uns zudem in Erinnerung, dass in jedem Film von Quentin Tarantino nackte Frauenfüsse vorkommen. Achtet Euch mal. Wieso also posten Leute ihre Füsse am Pool? Liegt es an unserem Zeitalter seelischer Bewegtheit? Wieso fotografieren sie nicht einen Ellenbogen vor einem Bergpanorama? Oder ein Knie vor der Tower Bridge und dergleichen mehr? Solches gülte dann als fotografischer Unfall, als Unvermögen.
Man könnte nun argumentieren, dass meine Voten vom Neid des Besitzlosen herrühren. Aber ich habe Füsse. Sogar zwei. Dennoch erspare ich den Besucher*innen dieses Kanals eine Aufnahme von diesen vor den Wellen der Costa Brava. Ihr könnt also sorglos weiterscrollen, da kommt nichts dergleichen. Es stellt sich nun die Frage, weshalb mir das fern liegt. Vom Entsagen von sozialen Medien kann es nicht herrühren. Das zu behaupten wäre wenig glaubwürdig, wenn man eine eigene Webseite mit einer Vielzahl Beiträgen unterhält. Ist es das Wissen um die Problemzone Männerfüsse? Schon eher. Aber auch nein. Es muss also tiefer gesucht werden, ohne dass gleich das Unterbewusstsein, das Es, bemüht werden müsste. Das Ich scheint ausreichend und zwei mögliche Gründe anzubieten. Der eine scheint mir so offensichtlich wie langweilig. Der andere erstaunlicher und damit interessanter. Es ist nicht immer klug aus einem zu werden. Dem Zivilverstand scheint auf dem Gebiet der Körperkultur jedenfalls schwer beizukommen zu sein.
Jetzt stehen zwei Kinder am Wasser. Das kleinere trägt Windeln. Vermutlich damit es nicht an den Strand kackt. Die Eltern haben sich etwas überlegt. Respekt.
Überhaupt. Eigentlich läuft noch so viel, wenn man gar nichts tut und einfach mal schaut. Das eBook habe ich zwar dabei, aber nicht eingeschaltet. Am Mangel an spannender Lektüre liegt es nicht, Joe Abercombie schreibt nämlich gut. Zwar schlagen sie sich im aktuellen Kapitel gerade mal nicht die Köpfe ein, aber die lesende Person ahnt: Lange wird das so nicht bleiben.
Theatralischer Sonnenuntergang
Gestern war alles voller Kite Surfer. Kite Surfer. Maskulin. Nicht generischer Maskulin. Kite Surferinnen hatte es keine. Scheint ein Männerding zu sein. Jedenfalls, der Strand und sogar das Meer: Kite Surfer wohin das Auge blickte. Mir wurde fast schwindlig von. Früher gab es das nicht. In den 90-ern kamen wir Sommer für Sommer nach Sant Pere Pescador. Da hatte es keine Kite Surfer. Nur Quallen. Heute scheint es hier keine Quallen mehr zu geben. Dafür Kite Surfer. Ich weiss nicht, was besser ist. Nur wir sind nach einer Pause von zwei Dekaden wieder öfter hier. Damals waren wir jung und es war Sommer. Nun sind wir älter. Es ist Herbst.





